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Drogen und Erfolg

verfasst von Felix Herzbach am 26. Februar 2010

1. Einleitung:

Bis ich 16 war, nahm ich keine Drogen. Und damit meine ich nicht nur Alkohol, Tabak, Cannabis, Ecstasy, Ritalin, LSD, Speed, Ketamin, Koks, Heroin etc., sondern insbesondere auch Schokolade, Kaffee, Tee. Alles war Tabu und ich werde meine Kinder nicht anders erziehen. Erst das “Probieren” von Reisschnaps in einem buddhistischen Kloster in Südkorea vermochte mich jedenfalls gegenüber Alkohol zu öffnen. Seither denke ich viel über einen sinnvollen Umgang mit Drogen nach. Momentan ist Fastenzeit, die ich, obwohl agnostischer Atheist, zu äußerlichem Komplettverzicht und innnerlicher Reflexion nutze. Daher dieser Beitrag, welcher nach einer kurzen Darstellung des Drogenbegriffs möglichst rational Vor- und Nachteile des Konsums schildert, um abschließend einen Kompromissvorschlag zur Diskussion zu stellen. Ich freue mich auf eine angeregte Debatte.

2. Drogenbegriff:

Man hat sich noch nicht so ganz auf den Begriff der Droge geeinigt. Nach dem weitesten Begriff sind Drogen sog. “psychotrope Substanzen”, also bewusstseinsverändernde Stoffe aller Art. Nach einer engeren Ansicht, unter anderem vertreten durch die WHO, sind Drogen organismusverändernde Substanzen mit Ausnahme von Nahrungsmitteln; Schokolade fiel hier raus. Bzgl. der eintretenden Organismusveränderungen könnte man auch eine Erheblichkeitsschwelle fordern, indem man nur Substanzen mit “Rauschwirkung” als Drogen bezeichnet (negativ bei Kaffee, Tee, Schokolade). Noch enger wäre der Begriff, stellte man nicht auf die Wirkung, sondern  auf die Verkehrsanschauung ab: Droge ist nur, was der Volksmund auch als solche bezeichnet – das müsste man bei Alkohol ob der großen Sozialadäquanz wohl verneinen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt man, wenn man die Legalität einer Substanz betrachtet (dagegen: Dann würde es vom Rechtssystem eines Landes abhängen, ob eine Substanz Droge oder nur sonstige Substanz ist. ). Ich vertrete den weitesten Begriff, da alle Einschränkungen willkürlich und im übrigen nicht weiterführend sind. Drogen sind also Substanzen, die die psychischen Abläufe in irgend einer Weise beeinträchtigen. Dabei treten sowohl erwünschte als auch nicht erwünschte Effekte auf, die wir uns mal genauer ansehen sollten:

3. Vorteile des Drogenkonsums:

  • Perspektivwechsel. Drogen ermöglichen es Dir, Menschen, Ideen, Eindrücke und letztendlich auch Dich selbst gänzlich neu zu beurteilen. Optimalerweise lassen sich die so gewonnen Erfahrungen und Einsichten in das “Normalleben” gewinnbringend integrieren. Seit Jahrtausenden hat man diese Kreativitätsquelle verwendet. Ich kenne keinen nennenswerten Künstler, der nicht mindestens eng an der Flasche war.
  • Doping. Viele Drogen steigern entweder schon unmittelbar oder jedenfalls mittelbar (über die psychische Wirkung) die körperliche Leistungsfähigkeit. Das betrifft nicht nur schwächelnde Sportler, sondern auch zittrige Musiker oder aufgeregte Manager. Jede Szene hat ihre Drogen…
  • Euphorisierung. Drogen intensivieren Wahrnehmung und Gefühle und begeistern; sie machen Dich jedenfalls im Moment der Wirkung, häufig aber auch noch später glücklich und gelassen. Wer zu sehr oder zu wenig angespannt ist, kann mit Drogen (unter professioneller Begleitung; mit paralleler Therapie) einen Ausgleich anstreben.
  • Sozialwirkungen. Drogen bringen Menschen auch über den Wirkungszeitpunkt hinaus zusammen. Das gemeinsame Erlebnis ist besonders intensiv und gibt einen Anknüpfungspunkt für spätere Interaktion. Je nach Sozialkreis kann Drogenkonsum auch interessant machen, sprich die (vom Umfeld wahrgenommene) Attraktivität erhöhen. Zudem kann die Emphatie gesteigert sein, man also mehr Verständnis für die Bedürfnisse und Zwänge anderer Menschen entwickeln.
  • Preis-Leistungs-Verhältnis. Drogen sind potenter als Volksglücklichmacher à la Schokolade, Hollywoodstreifen, Urlaub und Fußballschauen. Andererseits sind die meisten großen Freuden dieser Welt immernoch kostenlos: Frieden, Orgasmus, Erfolg, Sonnenaufgang usw.

4. Nachteile des Drogenkonsums (regelmäßig bei quantitativem oder qualitativem Fehlgebrauch):

  • Seelische Schäden. Manche, vor allem aber nicht nur sog. “harte”, Drogen können schon bei einmaligem Gebrauch (sog. “drogeninduzierte”) Psychosen auslösen, von denen Du nie wieder runterkommst. Das ist vor allem bei Halluzinogenen (Pilze, LSD) und Ecstasy bekannt. Abgesehen von solchen schnell offensichtlichen Wirkungen, kann der stetige Konsum ebenso zu schleichenden psychischen/seelischen negativen Beeinträchtigungen führen.
  • Körperliche Schäden. Drogen nennt man auch Rauschgifte, nicht zuletzt weil sie den Körper wie Gift schädigen können. Das ist sehr unterschiedlich und hängt maßgeblich von der Drogenklasse, der Reinheit, der körperlichen Konstitution des Konsumenten sowie der Menge ab. Je härter, je mehr und je öfter, desto intensiver die Schädigungen. Häufig kann der unregelmäßige geringe Gebrauch vom Körper aufgefangen werden (das berühmte “ein Glas Rotwein am Tag”), nicht aber der regelmäßig hohe. Andererseits gibt es Drogen, die das Glück jedesmal zulasten des Körpers erkaufen. Bei illegalen Drogen ist zu beachten, dass sie öfters mit zB krebserregenden Streckmitteln versetzt sind.
  • Soziale Ausgrenzung. Drogenkonsum ist – mal abgesehen von Ausnahmen wie Alkohol und Tabak – ein Tabu. Die Ächtung durch das soziale Umfeld (”Sowas macht man nicht”) kann schwerwiegende Folgen haben, etwa indem man Job, Freunde oder den/die Lebenspartner/in verliert.
  • Strafverfolgung. Nur wenige Drogen sind erlaubt. Die Grenzziehung ist jedoch ziemlich willkürlich, da einige gefährliche Drogen erlaubt (Tabak, Alkohol, bestimmte Medikamente) und recht harmlose Drogen verboten oder verschreibungspflichtig sind. Nimmst Du also illegale Drogen, unterschätze die Gefahr einer Strafverfolgung nicht. Folgeprobleme sind etwa auch der Beschaffungsaufwand oder die fehlende Kontrolle durch staatliche Behörden.
  • Finanzielle Kosten. Je nach Drogenart, Bezugsquelle und Häufigkeit des Konsums kann der Drogenerwerb sich sehr nachteilig auf das langfristige Ziel des Vermögensaufbaus auswirken.

5. Empfehlungen/Ergebnis:

Drogen haben die Macht, Dich dauerhaft in den Himmel oder die Hölle zu schicken. Sie sind ein sehr sehr potenter Verstärker von in Dir schon vorhandenem. Genauer gesagt haben also nicht die Drogen, sondern Du die Macht. Ganze Künstler-, Sportler-, Politiker-Generationen haben sich dieses Potentials bedient. Ob oder wie Du Drogen in Deinem Leben einsetzt, ist ganz Deine Sache, aber ich möchte Dich von einem klugen Kompromiss überzeugen. Falsch ist es in meinen Augen, niemals zu erwägen, Drogen zu nehmen. Viele Menschen verkennen, dass wir ständig Gesundheit gegen Glück eintauschen, zB indem wir in Solarien gehen, Extremsport treiben oder triefende Fritten futtern. Andererseits wäre es fatal, ohne Reflektion “zu Drogen zu greifen”; dann ist Exzess und Hölle vorprogrammiert. Triff auf jeden Fall eine bewusste Entscheidung! Ich würde sagen die Grundidee ist: Nimm die positiven Wirkungen mit, aber schalte negative Effekte ganz oder jedenfalls großflächig aus. Im Kern geht es darum, den Grenznutzen zu bestimmen. Abzuwägen sind jeweils der Nutzen (= Vorteile, s.o.) und die Gefahren (= Nachteile, s.o.). Vielleicht kann man die Interessen in einen Ausgleich bringen:

  • Konsumzweck bewusst machen. Mach’ Dir immer klar, was Dein Ziel ist. Optimalerweise willst Du Drogen als Bewusstseinserweiterung und nicht als Problemabschalter benutzen. Mit Drogen wirst Du nie psychische Probleme lösen können. Wenn Du Drogen als Retter siehst, wird Dich dieser vermeintliche ins Grab bringen. Es geht um einen vernünftigen GEbrauch und nicht um einen unvernünftigen Missbrauch. Du willst Drogen gezielt einsetzen und Dich nicht umgekehrt von Drogen so einnehmen lassen, dass sie Dich beherrschen.
  • Unregelmäßig konsumieren. Aus dem Konsumzweck folgt, dass Du nicht zu häufig konsumieren sollst. Du darfst weder körperlich noch psychisch abhängig sein. Wenn Du Dir unsicher bist, verzichte ein paar Wochen und schaue ob Du’s packst. Wenn ja: wunderbar. Wenn nicht: professionelle Hilfe einschalten. Übrigens:  Erfolgreiche Pausen steigern nicht nur Dein Selbstvertrauen, sondern bewirken auch, dass keine Gewöhnung (sog. Toleranz) eintritt, das ganze also aufregend und kostengünstig bleibt. Die Steigerung der Konsummenge oder -häufigkeit spricht häufig für eine Suchtsituation. Drogen müssen zu jedem Zeitpunkt eine Nebenrolle in Deinem Leben einnehmen. Sobald sich in diesem Bereich Wildwuchs breitmacht: Abbruch, Analyse, Angriff. Klar?
  • In Gesellschaft konsumieren. Sei kein Freak, sondern verbinde Dich mit den Menschen. Einzelkonsumenten laufen sehr schnell Gefahr, zu viel zu konsumieren oder jedenfalls nicht dabei überwacht zu werden. Geselligkeit macht den “Trip” nicht nur sicherer, sondern auch schöner (geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist….. na?). Andererseits muss die Gruppe vertraulich und überschaubar bleiben. Du willst nicht Deine Karriere auf’s Spiel setzen (s.o.). Viele Drogen sind gesellschaftlich (nicht immer, aber doch meistens zu Recht) geächtet. Wenn Du trotzdem nicht darauf verzichten willst, dann tue es mit besonders vertrauten Menschen und halte ansonsten die Klappe.
  • Konsumgrenzen ziehen. Du solltest von vornherein ein paar Drogenklassen außen vor lassen. Genauer: Die ganz ganz überwiegende Anzahl von Drogen solltest Du bewusst verschmähen, denn ihre Wirkung steht ihm keinen Verhältnis zu ihren Nachteilen. Geht man hier logisch vor, so wird man alle Drogen ausschließen müssen, die regelmäßig schnell abhängig und nachhaltig psychisch labil machen oder sonst gravierende Nebenwirkungen aufweisen. Das ist nicht nur aber auch eine individuelle Frage, aber wohl in der Regel bei Crack oder Ecstasy zu bejahen und bei Cannabis zu verneinen. Alkohol nimmt eine (gefährliche) Zwischenstellung ein. Im Zweifel die Grenze sehr niedrig setzen (zB kein Alkohol, dafür aber Kaffee und Tee). Vergiss nie: Du hast nur einen Körper und kannst ihn nicht wie Kleidung/Freunde/Wohnung oder so austauschen, dh behandle ihn gut und belaste ihn nur soweit es absolut unerlässlich ist.

6. Weiterführende Links

7. Zustimmung? Widerspruch? Erfahrungen?

http://www.jellinek.nl/brain/index.html


13 Kommentare zu "Drogen und Erfolg"

1 | Storchi der GottNo Gravatar

28 . Februar 2010 um 15:19 Uhr

“Drogen” ist ist ein Begriff, den ich nicht begreifen kann. Ich trinke selten und kiffe ab und zu ein Joint, sehe das aber nicht als schädigend oder suchtfördernd. Leute mit begrenztem Weltbild mögen das anders sehen.
“Drogen” wie Koka, speed oder pillen (was in meinem umfeld relativ oft konsumiert wird), sind ekelerregend. Menschen die solche Dinge zu sich nehmen sind für mich nicht von Interesse.

2 | Felix HerzbachNo Gravatar

1 . Maerz 2010 um 07:55 Uhr

Gut, dann scheinst Du für Dich einen Weg gefunden zu haben. Aber wieso lehnst Du Andersdenkende (”ekelerregend”) ab? Was stößt Dich ab, wenn jmd. harte Drogen nimmt? Mir geht’s ja ähnlich, aber ich kann es nicht wirklich erklären wieso das so ist… vllt. weil sich die Menschen dann so gehen lassen und man sich lieber mit kontrollierten Menschen umgibt? Das stimmt ja auch nicht immer. Manchmal sehnt man sich ja gerade nach Unkontrolliertheit/Chaos/enthemmten Exzess. Oder liegt es daran, dass solche Leute ihr Leben nicht im Griff haben und abseits ihrer Drogen schnell langweilig werden? Oder dass nur sehr Dumme regelmäßig harte Drogen nehmen? Wie gesagt, bin noch nicht richtig dahinter gekommen, nur die gleiche Emotion verspüre ich auch…. Felix

3 | Ingrid aus TirolNo Gravatar

1 . Maerz 2010 um 18:56 Uhr

Sehr interessant, Herr Herzbach,
was Sie über Drogen berichten.
Auch Ihre Recherchen sind ausgezeichnet.
Über das Thema Drogen im allgemeinen, habe ich nicht nur über Jahrzehnte „heiße“ Diskussionen geführt, weil ich beruflich damit zu tun hatte, sondern auch, da ich die „positiven“ und negative Veränderung der Psyche von Personen seit meiner Jugendzeit beobachtete, die der legalen Droge Alkohol „verfallen“ und in Einzelfällen von halblegalen Medikamenten abhängig waren,
Ich kam zu der bescheidenen Erkenntnis:
Nicht das Mittel (die Droge) entscheidet die Sucht, sondern die fehlende Fähigkeit, ohne dieses Mittel auszukommen ….
Ich wurde imaginär – an Erfahrungen reich …
Mir war der Genuss von Alkohol und Tabak zuwider, trotzdem wurde ich laufend damit konfrontiert, was nach den 70-er Jahren dazu führte, gelegentlich ein Glas Wein zu trinken und ab und zu eine *Menthol*Zigarette zu rauchen – zur „Desensibilisierung“ sozusagen.
( Na ja, kann auch als “Ausrede” betrachtet werden.)
Dies praktiziere ich auch heute noch ab und zu in Gesellschaft, kann aber behaupten, nie abhängig geworden zu sein. Dafür koche ich mit Liebe, bin ein Gourmet, esse auch gerne, liebe die Musik und die Natur.

Die früheren Diskussionen mit Abhängigen, Sozialarbeitern, Psychiatern und „Experten“ rund um den Drogenkonsum verschiedenster Art (auch den nicht stofflich gebundenen Süchten – wie Spiel- Kauf-, Fernseh-, Internet-, aber auch Beziehungs- bzw. Sexsucht.), führten zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Vielleicht ist es eine Sucht, wenn ich es außerordentlich schätze und auch darauf „beharre“, gewisse Zeiten des Alleinseins in RUHE verbringen zu können, um meinen Körper wieder Kraft zuzuführen. Meine Devise war immer schon: Alles mit Maß und Ziel.
Lachen kann ich jedenfalls ohne Drogenkonsum und ohne besonderen Grund. Auch über mich selbst.
Zum Beispiel jetzt, weil ich hier sitze und meine Meinung tippe, obwohl ich lieber in LIVE diskutiere, den Menschen in die Augen sehen möchte und insbesondere, weil das Schreiben mich sehr anstrengt und es meist einer Fortsetzung des Erfahrungsausstauschs bedarf..

Zu Ihrer Rubrik: Konsumgrenzen ziehen:
„Geht man hier logisch vor, so wird man alle Drogen ausschließen müssen, die regelmäßig schnell abhängig und nachhaltig psychisch labil machen oder sonst gravierende Nebenwirkungen aufweisen. Das ist nicht nur aber auch eine individuelle Frage, aber wohl in der Regel bei Crack oder Ecstasy zu bejahen und bei Cannabis zu verneinen.“
Bei Cannabis muss ich Ihnen zustimmen, wobei es aber für Jugendliche eine gewisse Gefahr bedeutet, was nicht nur das Beschaffen betrifft.
Da aber Cannabis traditionsgemäß mit Tabak vermischt wird, bei uns immer noch „illegal“ ist, muss man beim Erwerb und Konsum mit ev. Gesundheitsschäden und einer Strafverfolgung rechnen. Siehe mein Beitrag: http://phrasen.wordpress.com/?s=Drogenpolitik

Marihuana – Cannabis, sollte für Schwerkranke (Krebs – MS – AIDS … ) wie z.B. in der Schweiz in guter Qualität auf Wunsch verordnet und in Apotheken abgegeben werden.

Zum Abschluss wünsche ich Ihnen als *agnostischer Atheist* alles Gute, Gesundheit, weiterhin Inspiration für eine Themenvielfalt und viele Interessierte User zur Online-Debatte vor Ort, bedanke mich für Ihren geschätzten Besuch mit Kommentar und weise vor Ostern (für Katholiken) noch auf den „Messwein“ hin. :)
http://de.wikipedia.org/wiki/Messwein

Mit besten Grüßen aus Tirol – Ingrid Riedl

4 | JoolsNo Gravatar

3 . Maerz 2010 um 11:07 Uhr

Hallo,

ich habe deinen Eintrag gespannt gelesen, aber konnte keine explizite Verbindung zum Erfolg finden. Habe ich es vielleicht überlesen oder verspricht die Überschrift mehr als so hält? Lautet deine These: Der Kompromiss führt zum Erfolg?

5 | Felix HerzbachNo Gravatar

3 . Maerz 2010 um 11:32 Uhr

@ Ingrid: Danke für Deine interessante Sichtweise und Einschätzung. Der Beitrag auf Deinem Blog ist auch sehr lesenswert, wie auch die anderen Beiträge. Es kann nie schaden, sich über Drogen gedanken zu machen und einen bewussten Umgang, wie Du es praktizierst, zu wählen.

@ Jools: Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt; ich hätte noch mehr auf den Zusammenhang explizit eingehen sollen. Implizit, so bin ich der Meinung, habe ich das bereits getan. Zunächst einmal ist das Potential von Drogen Ausgangspunkt aller Überlegungen. Mit Verweis auf zahlreiche Künstler und im allgemeinen erfolgreiche Menschen, kann eine gewisse Korellation von Drogenkonsum und Erfolg festgestellt werden. Ob es sich dabei um einen monokausalen Zusammenhang handelt, darf bezweifelt werden. Entweder nehmen Erfolgreiche Drogen, weil Drogen erfolgreich machen oder sie nehmen Drogen trotz des Erfolges, weil sie so intelligent sind, dass sie diese Welt ansonsten nicht aushalten, da die Unordnung in den Köpfen der Menschen, die sich dann in Kriegen, Versorgungsnöten und anderen Dummheiten äußern, eine Beledigung menschlicher Kultur sind. Aber zurück zum Thema… Der Ausgangspunkt ist also, dass Drogen und Erfolg gemeinsame Wurzeln haben… Die Suche nach MEHR, nach VERBESSERUNG, nach den GRENZEN der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und Machtstruktur. Gleichwohl sollte dieser Dämon nur Diener und niemals Meister sein. Dh man muss ihn zähmen und kultivieren und einträglich nutzen. ME kann eine solch gewinnbringende Nutzung nur in einem klugen Kompromiss liegen, der die widerstreitenden Belange hinreichend berücksichtigt, also einen Ausgleich von Nutzen und Kosten darstellt. Und insofern finde ich schon, dass der Artikel etwas über Drogen und Erfolg sagt, mithin die Überschrift nicht mehr verspricht, als dann auch im Artikel angesprochen wird. Aber wenn ich Dich als Leser enttäuscht habe, dann tut mir das leid und ich versuche so gut es geht Fragen nun in Form von etwa Kommentaren aufzugreifen und recht abschließend zu behandeln.

6 | ANo Gravatar

6 . Maerz 2010 um 06:41 Uhr

@ u.a. Felix: “Was stößt Dich ab, wenn jmd. harte Drogen nimmt? ”

- Ist es Angst, Verachtung, Ekel, Langeweile?

Nichts von alledem! Es ist Traurigkeit. Bei mir ist es eine unendliche Traurigkeit, die mir die Kehle zuschnürt. Sie macht es mir so schwer, fast unmöglich mit Drogenabhängigen in Kontakt zu treten. Niemals werde ich vergessen, wie ich zum ersten Mal sah, als sich ein Kerl in einem Parkhaus einen Schuss setzte – sein blauer Arm, das Schummerlich – es war nicht Angst, was ich empfand, nicht Verachtung, nicht Ekel – vielleicht Entsetzen, aber am ehesten war ich einfach maßlos traurig.

Man möchte hinlaufen, die Leute aufrütteln: “Verstehst Du denn nicht, was Du da machst?!” – und in genau diesem Moment fühlt man sich einer grenzenlosen Ohnmacht ausgesetzt – man fühlt sich so hilflos, so machtlos. Fast möchte ich sagen, hilfloser als beim Anblick bettelnder Mütter, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen – sie haben noch diesen ungebrochenen Lebenstrieb in sich.

Vor kurzem erst bat mich ein junger Amerikaner um Geld für seine Zugfahrt – Geldbeutel inkl. Ticket verloren. Naja, ich gebe es ihm. Eine Woche darauf genau dasselbe; Natürlich war ich wütend, stellte ihn zur Rede. Da schaute er mir direkt ins Gesicht, krempelte langsam seine Ärmel nach oben und zeigte mir seine verstochenen Arme: “Get it?!”, fragte er.

Ja.

Er ging weg – ich musste weinen. Eine solche Begegnung lässt mich für Tage nicht los. Wenn ich zur Seite schaue – dann nicht aus Verachtung sondern aus Feigheit. Ich bin zu feige, die Realität dieses Elends wahrzuhaben.

Eine ehrliche Begegnung mit Drogenabhängigen setzt wahrschienlich in aller erster Linie voraus, diese Traurigkeit zu überwinden und meist auch die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Es ist eine Einbahnstraße, in 90 % der Fälle eine Sackgasse. Vielleicht stirbt der Kerl im Schummerlich bebi der nächsten Injektion an einer Überdosis, vielleicht an der Übernächsten – sein Lebensdrank vermag seine Sucht nicht mehr zu verdrängen…

Bei diesem Gedanken nicht traurig zu werden, geht gar nicht. Nicht hilf- und ratlos zu sein, auch nicht – der Kerl kann ja nichts dafür! Aber man kann nichts tun, kann einfach verdammt noch mal nichts Wirkliches tun. …und sich von dieser Traurigkeit nicht lähmen zu lassen, das verlangt einem viel ab!

7 | Sophia MeerbaumNo Gravatar

7 . Maerz 2010 um 14:44 Uhr

Ich halte Drogen in unserer extrem konsumorientierten “du kannst alles erreichen, wenn du nur willst” Welt für fatal. Gerade weil Drogen die Wahrnehmung verändern, laufen die meisten Menschen mit jedem “ich hab das im Griff”, “nur noch dieses eine Mal” oder “ich kann jeder Zeit damit aufhören” schrittweise auf einen Abgrund zu, insbesondere wenn man sich mit Hilfe von Drogen eine Leistungs-/Erfolgssteigerung erkauft. Gerade auf dem Sektor Erfolg kann man doch nicht mehr aufhören ohne erhebliche Nachteile in kauf nehmen zu müssen. Es ist ja nicht so, dass man von einem grandiosen Erfolg jahrelang zehren kann, sondern es wird erwartet, dass man sich in relativ kurzen Abständen eines ums andere mal selbst übertrifft oder zumindest immer wieder die gleiche Leistung erbringen kann, sonst steigt man genauso schnell wieder ab, wie man aufgestiegen ist. Mal ganz zu schweigen davon selbst damit klar zu kommen, das man ohne Doping nur Mittelmaß ist. Dabei geht es dann weniger um Geld, als vielmehr um Prestige. Drogen ins eigene Leben irgendwie integrieren zu wollen ist immer ein faustischer Pakt. Wie will man denn noch eine bewusste Entscheidung treffen, wenn man die eigene Wahrnehmung schon total verzerrt hat?
Wieviele Menschen kennst du, die wirklich nur ein kleines Stück Schokolade essen und nicht dann doch die ganze Tafel oder zumindest wesentlich mehr, als sie sich ursprünglich genehmigen wollten?
Die Regeln, die du genannt hast klingen in der Theorie bestechend gut, in der Praxis sind die meisten Menschen, aber nichtmal in der Lage sich an einfachste Regeln zu halten, wenn auf Aktion (Regelbruch), die Reaktion (Abschreckung vor erneutem Regelbruch) nicht unmittelbar erfolgt.
z.B. ungesunde Ernährung ist ein zu schleichender Prozess, als dass die meisten Menschen aus ihren Fehlern lernen würden, “Kavaliersdelikte” im Strassenverkehr oder der Missbrauch von Alkohol, wenn die Schwelle von Partyspass zu ernsthaftem Problem überschritten wird.

8 | Torben MittelhornNo Gravatar

8 . Maerz 2010 um 08:53 Uhr

Sophia, empirisch-statistische Häufungen bedeuten nicht, dass es Ausnahmen gibt. Gesegnet sind die, die das Maß eben halten können. Der Rest verfällt entweder den Drogen (schlecht) oder lässt sie unbeachtet (weniger, aber auch schlecht).

9 | Sophia MeerbaumNo Gravatar

8 . Maerz 2010 um 10:37 Uhr

Warum ist das nicht beachten von Drogen schlecht Torben?
Oder habe ich deinen Satz falsch verstanden?

10 | Torben MittelhornNo Gravatar

11 . Maerz 2010 um 09:31 Uhr

…weil Du Dich eines ungeheuren Potentials begibst. Ich glaube es wäre ein Fehler, dieses nicht in Betracht zu ziehen. Darum geht’s doch in dem Beitrag, wenn ich das richtig verstanden habe.

11 | Sophia MeerbaumNo Gravatar

16 . Maerz 2010 um 21:37 Uhr

Ich halte Menschen wie dich für extrem blauäugig. Welches Potential denn? Beispiel? Das ist ein vollkommen unkonkreter Allgemeinplatz. Ich persönlich habe nicht das Gefühl etwas zu verpassen oder meine Leistung künstlich puschen zu müssen. Es ist vielleicht auch eine Frage dessen, was man erreichen möchte und auf welchem Wege man in der Lage dazu ist.

12 | Felix HerzbachNo Gravatar

18 . Maerz 2010 um 11:08 Uhr

@Torben: Richtig ist, dass es im Beitrag um die Nutzbarmachung psychotroper Substanzen geht. Bzw. dass solche Mittel schon immer verwendet wurden und ihren Platz in der Leistungsgesellschaft haben. Falsch ist, dass es ein Fehler ist, sie nicht zu nutzen. Es geht nur darum, sich bewusst zu entscheiden und nicht a priori in Ablehnung zu verfallen. Wobei selbst das natürlich erlaubt sein muss in einer, wie sagt man doch so schön, pluralistischen Gesellschaft ;) Das hier ist nur ein Blog, nicht mehr und nicht weniger.

@Sophia: Ich finde Deine Wut gut, denn Du hast eine klare Position. So wie ich keinen Kaffee trinke oder Zigaretten einfach nur widerlich finde, lehnst Du halt die gnaze Kategorie “Drogen” ab. Das ist klug und Du hast gute Argumente zur Hand. Aber kannst Du nicht auch die (zugegeben vielleicht etwas naive) Faszination von Drogen verstehen? Und ich glaube schon, dass diejenigen, die keine Hilfsmittel verwenden, einen komparativen Nachteil buchen. Das muss nicht vernichtende Wirkung haben, aber es hat eine Wirkung. Dessen musst Du Dir bewusst sein. Vernachlässigen darf man auch nicht den Sozialcharakter; Abstinenten gehen ganze Szenen verloren. Auch das ist alles nicht schlimm, aber man muss sich dessen bewusst sein. Mir ging es im Beitrag nur darum, das Tabu zu lüften. Nicht jeder Konsument ist süchtig, nicht jeder missbraucht. Ich glaube es gibt ein genialisches Zusammenspiel von Substanz und Mensch, dass zu entdecken Spaß macht und lohnend ist, wenn man es richtig betreibt. Die Studie vieler erfolgreicher Biographien lehrt gerade das. Natürlich liest man davon nichts in Zeitungen und hört nichts davon in flachen Gesprächen. Aber man muss davon ausgehen, dass man eigentlich gar nichts weiß. Dass jeder so seine kleinen schmutzigen Geheimnisse hat, die niemandem oder nur ganz wenigen in noch weniger Situationen auftischt. Jede Kultur, jedes Geschlecht, jedes Alter, jeder Beruf hat seine Drogenkultur und ich finde das eben spannend zu beobachten. Es ist so eine dieser Welten hinter der sichtbaren Welt, versiegelt durch ein fettes Tabu. Genauso wie zB Geld oder Korruption, die auch tabuisiert, unsichbar und/aber unglaublich mächtig sind.

Felix

13 | Sophia MeerbaumNo Gravatar

18 . Maerz 2010 um 15:51 Uhr

@Felix: Ich bin nicht wütend und mir ist durchaus bewusst, dass es Menschen gibt, die erst durch ihren (moderaten) Drogenkonsum zu ihren teilweise überragenden Leistungen in der Lage waren. Biographien zeigen aber auch nur, was der Author bereit ist preiszugeben, bzw. was der Author über die Person weis über die er schreibt. Auch werden Biographien überlicherweise in der Retrospektive geschrieben und Geschehnisse entsprechend interpretiert.
Generell bin ich auch nicht absolut gegen den Konsum von Drogen, aber in einer Diskussion, die öffentlich, für jeden zugänglich statt findet, kann man nicht oft genug betonen, wie extrem schmal der Grad zwischen Nutzen und drastischen Nachteilen ist. Gerade bei Substanzen, die abhängig machen darf man sich beim Konsum keine Schwächen erlauben und das unter den erschwerten Bedingungen, dass sie “den Horizont erweitern”, sprich die Wahrnehmung verändern.
Dazu zähle ich übrigens auch Medikamente, z.B. wenn Symptome unterdrückt werden, um weiter Belastungen standhalten zu können, anstatt zu Regenerieren.

Im übrigen finde ich an deinem Blog gerade deine Themen, Tabubrüche und teilweise extremen Ansichten interessant, sonst würde ich nicht immer mal wieder vorbeischauen ;-)

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