verfasst von Felix Herzbach am 29. November 2009
Mir ist klar, dass viele Ansätze auf dieser Website als “extrem” bewertet werden können. Aber wie oft musste ich mir das schon anhören: Dass man es ja “nicht übertreiben darf”, dass man “Kompromisse suchen” und “die goldene Mitte finden” muss. Das sind alles gut gemeinte, massentaugliche Ratschläge. Aber taugen sie auch als Maxime für Dich und mich? Ich glaube das nicht. Und ich werde Dir jetzt sagen wieso.
Dass es eine “goldenen Mitte” als Rahmen für unser Denken, Fühlen und Handeln gibt, ist weit verbreitet und führt in vielen Fällen zum objektiv richtigen Ergebnis. Jeder weiß, dass zu wenig Salz schädlich, ein bisschen Salz gesund, aber zu viel Salz wieder schädlich bis tödlich ist. Dass Gift bloß eine Frage der Menge ist (”sola dosis facit venenum“), weiß man schon lange. Weltweit verbreitete Ideen des Ausgleichs von entgegenwirkenden Kräften wie Yin und Yang schlagen in die selbe Kerbe.
Indes: Wie golden ist diese goldene Mitte wirklich? Extrema in der menschlichen Existenz wirken nach dieser Logik immer schädlich auf den Einzelnen und sollen daher immer vermieden werden. Hierin liegt aber das Problem der Trivialisierung komplexer Lebensfragen durch Volksweisheiten. Diese so genannte goldene Mitte wird nicht intern durch die handelnde Person, sondern extern durch eine anonyme, mit den Umständen des Einzelfalls nicht vertraute Masse bestimmt. Was grundsätzlich richtig ist (zB moderater Salzkonsum), kann sich sich im Einzelfall (Hitze, Sport, Schwitzkrankheit) als krasser Fehler mit drastischen Folgen (irreparable Schäden, Tod) erweisen.
Und auch wenn es leider zur Floskel geworden ist, werde ich es sagen: Niemand weiß, was gut oder schlecht für Dich ist, außer Dir selbst. Lies das nochmal. Nicht Deine Eltern, nicht Deine Kirche, nicht Deine Lehrer, nichtmal Dein Psychologe. Diese Spitzbuben können immer nur das vermitteln, wovon sie glauben oder hoffen, dass es Dir hülfe. Wissen tun sie es aber nicht. Was das Wissen über die Regeln und Grenzen unserer schönen Welt anbelangt, so bist Du als Krüppel geboren und aufgezogen worden.
Was hat das mit der Idee einer goldenen Mitte zu tun? Ein an der fremdbestimmten goldenen Mitte orientiertes Leben lässt Dich dieser Krüppel bleiben. Ein Krüppel, der schwerhörig und fast blind durch den üppigen Möglichkeitsgarten des Lebens tappt. Ein Krüppel, der Flügel hat, aber nichtmal weiß, dass sie existieren. Wenn Du aufhörst Dich in Extrembereichen menschlicher Existenz aufzuhalten, buchst Du Mittelmaß. Und zwar für den Rest Deines Lebens.
Machen wir es konkreter: Wenn Du mit neugierigem echtem Interesse etwas mit hohem zeitlichen, emotionalen und/oder finanziellen Aufwand verfolgst und dann aber auf die faulen Ratschläge der “goldenen Mitte” aus den dutzenden Mündern in Deinem Alltags hörst, hast Du schon verloren. Du hast Deine Leidenschaft verloren. Deinen Willen verloren. Und Du hast es verpasst Deine eigene, von der “goldenen Mitte” in jedem Fall abweichende, Balance zu finden. Versuche eigenständig zu bestimmen, wieviel Zeit Du auf Arbeit und Freizeit oder alles Andere pro Tag, Woche, Monat usw. verwendest.
Auf dieser Website werbe ich für ein frugales Leben, dessen einzelnen Bestandteile isoliert betrachtet völlig “übertrieben” sind und sich hoffentlich immer jenseits der “goldenen Mitte” bewegen. Ich erwarte nicht, dass Du alle meine Ideen in Dein Leben integrierst. Die Ideen auf dieser Website sind eher als Beispiel einer individuell definierten und gefundenen “goldenen Mitte” zu verstehen. Wie Deine hingegen aussieht, vermag und will ich gar nicht sagen. Der Punkt ist: Mach’ Dir selbstständig, häufig und verschriftlicht Gedanken und lebe einen Lebensentwurf, der von außen als (zu) extrem empfundenen wird. Solange Du das nicht tust und sich niemand über Deine Lebensweise beschwert, weißt Du, dass Du noch sehr weit unter Deinen Möglichkeiten als Krüppel (siehe oben) im bequemen Brei des Durchschnitts lebst und auf dem besten Weg bist, dort zu verrotten.
1 | Nbraska
2 . Dezember 2009 um 09:40 Uhr
naja / wenn es doch nur nicht so verfuehrerisch waere, nach den balancen der gesellschaft zu leben! auf das problem gehst du mir noch viel zu wenig ein.
2 | Felix Herzbach
6 . Dezember 2009 um 10:24 Uhr
Hey, Danke für den ersten Kommentar auf diesem neuen Blog ;-) Eigentlich dreht sich die ganze Website um dieses Problem, Nbraska. Aber ich werde versuchen noch präziser zu argumentieren bzw. darauf einzugehen. Danke für die Anregung.
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